Anna Breitenbach und ihre erhellenden Verbalobjekte
Portrait von Julia Lutzeyer mit Gedichten der Lyrikerin und Autorin

was ich will

kleine feste
gedichte machen
die liegen mir
gut in der hand

Sie ist eine emsige Sammlerin von Alltagsschnipseln, diese Anna Breitenbach. Schriftzüge auf LKWs, veritable Fundstücke, eine mitgehörte Bestellung beim Bäcker, der sprechende und offenbar so gar nicht passende Name eines Anrufers: Scheinbar Gewöhnliches, auch Abgelauschtes springt sie an und wird von ihr flugs eingesammelt. Als sei’s ein Rohstoff (und das stimmt ja), der dann – herausgelöst, um die Ecke gedacht und in anderem Kontext – lyrisches Eigenleben entwickelt und sich zum Wortobjekt verfestigt. Mühelos zu erfassen, oft mit doppeltem Boden. Vorsicht!

Die in Esslingen am Neckar und in der Südtoskana lebende Dichterin nennt diese Methode schlicht „Der einfache AnSatz“ und beherzigt dabei die Sentenz ihres Dichterkollegen Rainer Malkowskis: „Das Einfache ist der unverstellte Zugang zum Komplexen“. Dieses Prinzip funktioniert bei ihr nicht nur auf Papier, sondern auch als Performance, mit filmischen Mitteln, im bei DaWanda eingerichteten Web-Shop „poetry works“ mit Wandgedichten und illustrierten, immerwährenden Küchenkalendern oder in Ausstellungen als lesbare Manifestation. So ist ein alter, eiserner Bügeleisen-Untersetzer, ordentlich bedeckt mit den Birnenholz-Lettern B an Stelle der Kopfkissen und Doppel-T als zweiteilige Liegefläche augenblicklich als Bett zu entziffern. Anna Breitenbach nutzt alle möglichen Wege, um zielgerichtet Poesie ins Leben der Leute zu bringen. Wie eine wohltuende Droge im unbesehen konsumierten Allerlei. Schön, wahr, gut, schützenswert und Kraft spendend.


Weißt du das nicht,
dass ein Gedicht so was
wie: eine Taschenlampe
ist?

Aber ausgerechnet ein Roman verschaffte der Lyrikerin erste Aufmerksamkeit. „Fremde Leute“ heißt die Familiengeschichte aus der Sicht eines Mädchens, 2000 erschienen, und sogleich mit dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichnet. Dabei hatte Anna Breitenbach, die im privaten Leben Hilga Wesle heißt und in Hessen erwachsen wurde, noch nicht an einen Roman gedacht, beteuert sie. Eins kam zum anderen: Die Mutter-Tochter-Geschichte war zuerst da. Zu der gesellte sich eine Vater-Tochter-Erzählung. Und bald Vater-Mutter-Kind. Der Leiter eines Schreibseminars erkannte als erster: „Das gibt einen Roman. Mach weiter so.“

Das Weitermachen war nicht das Problem. Geschichten hatte sie viele, Ideen auch. Und schreibend kann die Wahrheit der eigenen Geschichte ohnehin viel schöner erfunden werden. Davon ist sie überzeugt. Schwieriger war das Ordnen, das Zusammensetzen, die Abfolge. Doch dann ergaben die Erzählungen tatsächlich einen Roman. Mit großem Bogen, einem treibenden Sprach-Rhythmus, refrainartig sich wiederholenden Familien-Redensarten, und doch ganz ohne ein überflüssiges Wort. Dicht schreiben, das kann diese Dichterin auch in epischer Breite.

Damals entdeckte die examinierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin, ausgebildete Journalistin und freie Radio-Reporterin auch, kurze Text-Einwürfe wie Scheinwerfer zu gebrauchen. Je nachdem leuchten sie in die Vergangenheit der Geschichte davor oder erhellen deren Zukunft in der nächsten. Manche dieser Einsprengsel skizzieren in drei Sätzen die Tragik einer Familie, über drei Generationen hinweg.

Nun, fünfzehn Jahre später, nimmt die Beleuchterin den Buchstabenstrahler erneut zur Hand, um zu sehen, wie es ihren Romanfiguren aus „Fremde Leute“ erging, bevor das anfangs etwa achtjährige Kinder-Ich zu erzählen begann. „Die kleinen Jahre“ nennt sie dieses literarische Vorspiel, das gut zu einer Ausschreibung zum Schwäbischen Literaturpreis 2016 zum Thema Kindheit passte. Ein neuer Roman mit „schlimmen Geschichten“ ist in Arbeit, mehr zu verraten, lassen wir besser.

Schreibkraft

nicht die
schweren wörter
suchen die
einfachen finden

Als Lyrikerin spielt Anna Breitenbach: Ich sehe was, was du nicht siehst. Dabei liegt vor aller Augen, was sie erkennt, notiert, formuliert, gestaltet und zum Klingen bringt, bis es auch die anderen wahrnehmen und entdecken. Zum Beispiel das hellgrün-junge Blatt in der schon spätsommerlich dunklen, dichten Hecke, neben uns beim Interview open air. Ein Wunder der Natur, an das wir uns längst gewöhnt haben, es übersehen und nicht der Rede wert finden. Davor muss sich eine Dichterin hüten. Sie muss sich den Blick eines Kindes, eines Fremden, ja fast eines Außerirdischen bewahren, den poetischen Blick, wie sie es in ihrem Essay „Poetologische Fragen 1 – Der Blick“ formuliert. Die zweite poetologische Frage widmet sie dem „Abstand“, der eine Frage des Stand-Punktes, des Willens und der Kraft sei. Wie ein Dirigent über sein Orchester müsse sie die Übersicht über die Wörter behalten. Sie sind ihr Material, mit denen sie die Räume ausstattet, die von einem Gedicht oder einer Erzählung eröffnet werden. Das verlangt klare Entscheidungen, denn „Gedichte brauchen eine feste Form“. Und die Wörter Freiraum.

pflanzdichte

wenn ich nur wenige
wörter nehme
kann  in   dem  platz
den  ich  lasse  noch
wachsen  was  will

Die Lust am gedanklichen und verbalen Ausstatten hatte Anna Breitenbach schon als Kind. „Ich war gewohnt, mir mein Vergnügen aus Büchern und dem zu machen, was ich gesehen und gefunden hatte.“ Ein Reichtum, der nicht an Besitz und Konsum gebunden ist. Das schätzt sie am Lyrischen bis heute: dass sich Gedichte so schlecht kapitalistisch missbrauchen lassen und nicht in China vom Band laufen. Vielmehr lebt dieser Schatz davon, aus dem Inneren erschaffen und Buchstabe für Buchstabe körperlich gebildet zu werden, bis die Eindrücke und Gedanken ein Reich aus Wörtern und ihren Bindungen und Abständen bilden. Dann wird alles plötzlich schön konkret, vor allem, wenn Anna Breitenbach die Redensarten und Wörter wörtlich nimmt. Das ist eine ihrer liebsten Techniken. Schließlich war einer der „Konkreten“ der Stuttgarter Schule an der Förderung ihres Talents beteiligt: Helmut Heißenbüttel. Damals war sie Mitte 20. Der Leiter der SDR-Redaktion „Radio-Essay“ erkannte den besonderen Ton, die Setzung ihrer Gedichte. Ihm gefiel, was er da sah: Wörter als Bausteine. Auf Abstand. Belastbar. Mit der nächsten Reihe Steine.

Das Blatt

hat sich doch noch
mal gewendet und
wie weiß die Seiten,
die man wirklich?
beschreiben kann.
Ich fang einfach mit
dem Anfang an.

Anna Breitenbachs jüngster Gedichtband, erschienen bei Klöpfer & Meyer, nimmt „Haus und Hof, Sachen, Leute“ auf den Titel und unter die Lupe. „Brauchbare Gedichte“ sind darin versammelt, verspricht die Unterzeile. Ein Handbuch fürs Leben, für alle Fälle, sagt der Klappentext. Schließlich steht die Autorin mit beiden Beinen mittendrin, als dreifache Mutter, noch immer als Chefin einer Agentur für Feriendomizile in Italien, als ihre eigene Unternehmerin, die ihre Poesie begeistert in die Welt trägt. „Ich mag nicht, wenn Gedichte fast wie Kirchenmusik feierlich vorgetragen werden.“

Ihre Lesungen sind keine Einbahnstraßen. Sie lässt ihr Publikum in die Werkstatt schauen, erzählt, wie ein Gedicht entstand oder diskutiert mit ihm über zwei verschiedene Enden einer Kurzgeschichte, lässt raten, ob ein Foto Impuls für ein Gedicht war oder umgekehrt erst das Gedicht da war. Bei der Inszenierung ihrer Kurzgeschichte „Der Auftrag“ beim Kulturfest „Stadt im Fluss“ 2009 ließ die Regisseurin 1000 Gedichte der Anna Breitenbach vom Dach der WLB Esslingen flattern. Der Wind half bei der Verbreitung des Gedruckten.

Auch so streut sie das Poetische in die Stadt. Und kann sich vor Geschichten, die raus wollen, und Gedichten, die noch zu schreiben sind, kaum retten. Wenn sie davon erzählt, lacht sie, vergnügt, verschmitzt. Hintersinnig in jedem Fall.

Übersicht

Schwierigkeiten
keine,
Probleme?
Nicht dass ich
wüsste,
Kummer,
woher denn –
Glück!
büschelweise
und giftgelb
wie Ginster.


Erhältliche Werke:
Wenn nicht anders angegeben, auch im DaWanda Shop poetry works unter www.dawanda.com

„Haus und Hof, Sachen, Leute. Brauchbare Gedichte.“
Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2016.
www.kloepfer-meyer.de

KüchenKalender II „für irgendwo hier“
Gedichte von Anna Breitenbach, Illustrationen von Maren Profke
Druckhaus Stil, Stuttgart 2016.

KüchenKalender I „für wo auch immer“
Gedichte von Anna Breitenbach, Illustrationen von Maren Profke
Druckhaus Stil, Stuttgart 2013.

Nächste Kekse. Kalender mit Fotos, Rezepten, Gedichten
Mit Anne Seubert. flyeralarm, Würzburg 2013.

Guerrilla Gardening – transitions, Booklet zum Film
Mit Werner Reichelt. Wiesinger Druck, Stuttgart 2012.

steine. Postkartenkalender mit Gedichten.
Steinkopf Druck, Stuttgart 2010.